Archiv des Autors: kaymacquarrie

Psychologische Hilfe zum Umgang mit der Herausforderung Corona

Das Immunsystem der Seele stärken // Ratgeber zum mentalen Umgang mit der Corona-Krise

Das erfahren Sie hier
Kapitel 1 – Herausforderung Corona
Kapitel 2 – Resilienz kann man entwickeln
Kapitel 3 – Eigenschaften, die Resilienz bewirken und erlernbar sind
Schlaglicht – Gestalter-Prinzip
Schlaglicht – Akzeptanz
Schlaglicht – Chancenorientierung
Schlaglicht – Eigene Fähigkeiten für die Krisenbewältigung erkennen
Schlaglicht – Ressourcenorientierung
Schlaglicht – Achtsamkeit
Schlaglicht – Netzwerkorientierung
Schlaglicht – Zusammenhalt und Solidarität
Schlaglicht – Die Macht des Denkens
Schlaglicht – Schatzkiste der Vergangenheit
Schlaglicht – Positiver Ausblick auf die Zukunft
Schlaglicht – Sinngebung
Schlaglicht – Struktur
Schlaglicht – Erkennen Sie Erfolge
Fazit

Das erfahren Sie hier

Die Corona-Krise stellt jeden einzelnen von uns vor Herausforderungen. Der folgende Beitrag will Ihnen Anregungen und Hilfestellungen für den psychischen und mentalen Umgang mit diesen Herausforderungen geben. Hierbei werden besonders die Methoden der Resilienz, der Fähigkeit, gestärkt aus Krisen hervorzugehen, vorgestellt: Resilienz als Methode, das Immunsystem der Seele zu stärken.

Herausforderung Corona

Neben vielen anderen Aspekten stellt der neue Virus uns vor die Herausforderung, das Leben in wichtigen Lebensbereichen einzuschränken. Isolation, Abgeschnitten sein vom sozialen Leben, in den eigenen vier Wänden bleiben müssen und einiges mehr sind Auswirkungen, die vermutlich für die meisten Menschen problematisch sind.

Somit sind wir herausgefordert, einen Umgang mit diesen Einschränkungen zu finden, damit klarzukommen und uns damit zu arrangieren – und das Beste daraus zu machen.   

Wie in vielen Lebenslagen ist für die erfolgreiche Bewältigung dieser Herausforderungen die innere Haltung eines Menschen entscheidend.  

Eine innere Haltung, die z.B. von stetigem negativem Denken geprägt ist, macht die Dinge nicht besser, ganz im Gegenteil: man rutscht immer weiter in die Krise, die Emotionen schaukeln sich hoch, Verzweiflung macht sich breit.  

Das soll nun nicht die Einladung zu einem übertriebenen positiven Denken sein. Es kann sogar hilfreich sein, die negativen Aspekte zunächst klar zu erkennen, sich darüber zu ärgern oder traurig darüber zu sein.

Die Anerkennung der Emotionen gehört wie in vielen Lebenslagen zu einem gesunden Umgang mit Problemen dazu. Wenn man den Emotionen eine Weile Raum gegeben hat, diese da sein dürfen, kommt es zu einer inneren Reinigung, Katharsis. Und diese ist oft die Voraussetzung für die Entstehung von etwas Neuem. Fluchen, Weinen und andere Reaktionen sind nun mal menschlich.

Tipp: geben Sie diesen Emotionen bewusst 5-10 Minuten und lassen Sie die Emotionen in vollem Umfang zu. Führen Sie diese „Innere Reinigung“ nicht halbherzig durch, sondern gehen Sie wirklich in die Emotion, bis im Idealfall eine innere Leere oder leichte Erschöpfung eintritt. Evtl. müssen Sie diesen Prozess mehrfach durchlaufen.

Wenn diese emotionale Reinigung stattgefunden hat, können Sie sich auf den nächsten Schritt einlassen: Anerkennen, Akzeptanz der Situation auf der Ebene des Denkens: Ja, wir, die Menschen, die Welt – wir stecken gerade in einer Krise und großen Herausforderung.

Die Erkenntnisse der Resilienzforschung (Resilienz – die Kunst mit Krisen umzugehen) helfen Ihnen dann, die nötige mentale Stärke aufzubauen.

Resilienz kann man entwickeln

Wie kann das konkret funktionieren, das Beste daraus machen und die Herausforderungen meistern?

Um diese Fähigkeiten zu entwickeln, sind die Erkenntnisse der Resilienzforschung sehr hilfreich. Resilienz, die Fähigkeit gut mit Krisen umzugehen, statt daran zu zerbrechen, haben manche Menschen quasi in die Wiege gelegt bekommen. Doch auch wir anderen können das lernen und einige Tipps beherzigen. Damit wird Corona zwar nicht aus der Welt geschafft. Aber wir können besser mit der Situation umgehen und unsere persönliche Lage zumindest etwas verbessern.

Etwas verbessern mag sich jetzt klein anhören. Aber, das weiß ich aus meiner umfangreichen therapeutischen Erfahrung, ein bisschen Verbesserung kann einen erheblichen positiven Effekt haben. Führen Sie sich auch vor Augen: wenn Sie z.B. 5  Methoden finden, die jeweils zu einer kleinen Verbesserung der persönlichen Lebenssituation führen, kann das in der Summe zu einer deutlich spürbaren emotionalen Entlastung führen. Und vor allem: das Immunsystem der Seele wird gestärkt.

Eigenschaften, die Resilienz bewirken und erlernbar sind

Im Folgenden finden Sie Verhaltensweisen, die Ihnen helfen, auch die Corona-Krise psychisch gut zu bewältigen.

Gestalter-Prinzip

Dieses Prinzip besagt, dass wir immer die Möglichkeit haben, die Dinge ein wenig positiver und angenehmer für uns zu gestalten. Man nennt das auch Selbstwirksamkeit, Selbstermächtigung oder Eigenverantwortlichkeit. Es ist die Überzeugung, trotz allem etwas bewirken zu können und lösungsorientiert zu bleiben, statt sich auf die Probleme „einzuschießen“ und sich als Opfer zu erleben. 

Um dieses Prinzip anzuwenden, können Sie sich z.B. Frage stellen wie: wie kann ich die Situation und mein Umfeld ein wenig angenehmer gestalten? Welche Handlungsmöglichkeiten bleiben mir trotz allem erhalten? Wie kann ich meinen Tagesablauf so gestalten, dass es für mich gut ist? Wie mein häusliches Umfeld noch schöner gestalten? Was wirkt sich aus Erfahrung allgemein positiv auf mein Wohlbefinden und meine Stimmungen aus und ist auch jetzt möglich?

Akzeptanz

Es kostet Menschen enorme Energie, Dinge die nun mal so sind, nicht zu akzeptieren. Dieser Widerstand gegen die Realität ist vielleicht einer der bedeutendsten Energieräuber. Und er ist wenig sinnvoll.

Nehmen Sie das Beispiel eines Menschen, der sich vorgenommen hat, den Rasen zu mähen und am Morgen Dauerregen feststellt. Was würden Sie von diesem Menschen sagen, wenn er sich in den Garten stellt und stundenlang lamentiert? Vielleicht ein zu simpler Vergleich mit der Corona-Krise. Er verdeutlicht dennoch das Grundprinzip.

Man kann sich für die innere Haltung des Annehmens, Akzeptierens entscheiden. Oder aber dagegen.

Chancenorientierung

Eng verbunden mit dem Akzeptanz-Prinzip steht die Chancenorientierung. Trainieren Sie sich besonders jetzt darauf, sich nicht auf das zu fokussieren was nicht geht, sondern auf das was trotzdem oder gerade jetzt geht. Entdecken Sie die Chancen, statt unter den Einschränkungen zu leiden. Auch hierzu kann man sich entscheiden.

Eigene Fähigkeiten für die Krisenbewältigung erkennen

Entwickeln Sie Vertrauen in Ihre eigenen Stärken zum Umgang mit Krisen. Egal was war: Sie sind bis hierhergekommen. Und haben alles irgendwie überstanden. Hierzu haben in jedem Fall auch Ihre persönlichen Stärken beigetragen.

Machen Sie sich deshalb bewusst, welche Krisen Sie bereits bewältigt haben und welche Ihrer Stärken Ihnen dabei geholfen haben. Machen Sie sich Ihre positiven Erfahrungen der Vergangenheit bewusst und entdecken Sie Ihre persönlichen Stärken zum Umgang mit Krisen.

Ressourcenorientierung

Machen Sie sich bewusst, welche Hilfen Ihnen im Umfeld zur Verfügung stehen. Stellen Sie sich Fragen wie: Welche Menschen könnten Ihnen ein wenig helfen oder beistehen? Haben Sie Stütze durch Ihren Glauben, Ihre Religiosität oder Spiritualität, lieben Sie Musik? Entdecken Sie möglichst viele solcher Ressourcen und notieren sich diese. Vielleicht entdecken Sie, dass Sie einen regelrechten Ressourcen-Teppich haben.

Achtsamkeit

Zwar ist Achtsamkeit ein mittlerweile überstrapazierter Begriff und soll für alles als Lösung herhalten. Doch es ist besonders jetzt während der Corona-Krise tatsächlich sehr hilfreich sich darin zu trainieren, den Augenblick, den Moment zu erfassen, statt sich in Grübeln aufzureiben.

Probieren Sie es aus: je mehr Sie sich auf den momentanen Moment fokussieren, auf das, was Sie jetzt gerade tun, desto weniger können Sie unglücklich, unzufrieden oder frustriert sein. Klappt wirklich!

Netzwerkorientierung

Derzeit sind viel mehr Menschen offen und bereit zu sozialen Kontakten als in normalen Zeiten. Scheuen Sie sich also nicht, Menschen per Telefon oder digital zu anzusprechen. Nutzen Sie aktiv Ihr Netzwerk, statt abzuwarten, dass sich jemand meldet. Verzichten Sie allerdings auf Gespräche, die vermutlich in einem nicht enden wollenden Lamentieren ausarten!

Tipp: Etablieren Sie virtuelle Kaffee-Treffen oder Weinabende (geht auch mit Tee).

Zusammenhalt und Solidarität

Begriffe, die sich in einer modernen Konkurrenz-Gesellschaft für manchen fast merkwürdig anhören, sind nach den Erkenntnissen der Resilienzforschung wichtige Bausteine für eine Immunität gegenüber Krisen. Zusammenhalt und Solidarität  stärken unsere Fähigkeit, schwierige Situationen auszuhalten, geben uns Sicherheit und vermitteln im Geben Freude. Einfach ausprobieren. Es mangelt nicht an Gelegenheiten, anderen zu helfen. Letztlich profitieren Sie davon.

Die Macht des Denkens

Unser Denken hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie wir mit Krisen zurechtkommen. Das Denken beeinflusst in der Folge auch unsere Emotionen und Stimmungen und dadurch letztlich auch unser körperliches Befinden. Das heißt: wenn wir sorgsam mit unseren Denkgewohnheiten umgehen und erkennen, dass wir negative Denkmuster aktiv verändern können, nehmen wir damit aktiv Einfluss auf unser Wohlbefinden, unsere Emotionen und Stimmungen.   

Sie können Ihre Macht des Denkens wie folgt einsetzen: immer dann, wenn Sie sich bei negativen Denkmustern ertappen, stellen Sie innerlich ein Stopp-Schild auf und verändern Sie aktiv Ihr Denkmuster, indem Sie sich Fragen wie die folgenden stellen: wie werde ich mit einiger zeitlicher Distanz vermutlich über diese Situation denken, wenn alles ausgestanden ist? Was ist konkret so schlimm an der Situation? Ist es wirklich so schlimm? Gibt es trotz allem evtl. auch positive Seiten an der Situation? Wie sind andere Menschen in früheren Krisenzeiten umgegangen und was kann ich daraus lernen? Welche Krisen habe ich selbst bereits erlebt und wie bin ich damit umgegangen? Welche Stärken habe ich im Umgang mit schwierigen Situationen? Wer kann mir ein wenig helfen? Was könnte mir Hoffnung und Zuversicht geben? Und viele mehr.

Man könnte diese Methode als mentale Reinigung bezeichnen. Also: waschen Sie sich in der jetzigen Krisensituation nicht nur regelmäßig die Hände, sondern auch Ihre mentale Haltung. Achten Sie auch auf innere Hygiene, auf innere Sauberkeit.

Schatzkiste der Vergangenheit

Nutzen Sie die Zeit, um einmal mit Freude zurückzuschauen, auf schöne und positive Ereignisse. Genießen Sie Ihre Vergangenheit. Schauen Sie z.B. alte Fotos an. Wann haben wir schon mal im normalen Alltag Zeit dazu?

Positiver Ausblick auf die Zukunft

Ebenso können Sie die Zeit nutzen, endlich mal eine Vision für Ihre nächsten Monate und Jahre zu entwickeln. Schmieden Sie schöne Pläne für die Zeit nach Corona. Denn auch Corona geht vorüber.

Betrachten Sie also die Krise als Chance: Sie haben jetzt Zeit. Etwas, was sich die meisten Menschen so oft herbeigesehnt haben. Was wollten Sie schon immer erledigen und könnten Sie jetzt tun?

Sinngebung

Aus der Resilienzforschung wissen wir, dass Menschen, die ihrem Tun einen Sinn geben, viel besser mit Krisen und Rückschlägen umgehen können. Dieser Sinn kann z.B. darin bestehen, durch die Einhaltung der Regeln zur Eingrenzung der Übertragung des Corona-Virus unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten.

In diesem Zusammenhang möchte ich kurz auf die Kritiken eingehen die besagen, dass das alles übertrieben wird und Corona mit einer herkömmlichen Grippewelle vergleichbar ist: wer da Recht hat, werden wir vielleicht später erfahren, derzeit befinden wir uns in einer Phase des Nicht Wissens.

Aus Sicht der Resilienzforschung aber ist ein Aspekt sehr wichtig: wenn ein Mensch an den Sinn einer Sache (in diesem Fall an Regeln) glaubt, kann der Mensch oder auch eine ganze Gesellschaft über sich hinauswachsen und große Schwierigkeiten meistern und dabei psychisch gesund bleiben. Geben Sie Ihrem Tun also einen Sinn, indem Sie sich z.B. vor Augen führen, dass Sie einen Beitrag zur Überwindung der Krise leisten.

Wenn ein Mensch immer wieder zweifelt und keinen Sinn in seinem Tun sieht, ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ihn die Situation überfordert, groß.

Struktur

Besonders in Ausnahmezeiten benötigen wir Menschen klare Strukturen. Strukturen können zumindest die fehlenden Sicherheiten und die Ungewissheit über die Zukunft kompensieren und das Gefühl vermitteln, dass es da doch Verlässliches gibt. Strukturen erden den Menschen in ungewissen Zeiten und vermitteln ihm das Gefühl, dass er zumindest teilweise die Kontrolle hat, was sehr wichtig ist.

Deshalb geben Sie sich selbst Strukturen, indem Sie z.B. Ihren Tagesablauf strukturieren. Oder indem Sie feste Rituale für den Tag einführen wie z.B. ein Zusammensitzen zu fester Zeit in der Familie, bei dem Sie besprechen, wie es Ihnen gelingt, mit der Krise umzugehen.

Erkennen Sie Erfolge

Führen Sie regelmäßig eine Erfolgskontrolle durch: was hat Ihnen heute geholfen, gut mit der Krise umzugehen? Was hat noch nicht so gut geklappt? Was können Sie noch besser machen? Also: führen Sie sich die Erfolge Ihrer Maßnahmen vor Augen und erkennen Sie, dass Sie handlungsfähig sind und die Lage ein Stück weit selbst gestalten können.  

Und schließlich: machen Sie sich immer wieder bewusst: auch das geht vorüber.

Fazit

Die Corona-Krise ist eine Herausforderung für uns alle. Doch wir sind der Situation nicht hilflos gegenüber ausgeliefert – es gibt zumindest einige Möglichkeiten, die Krise mental gut zu bewältigen und vielleicht sogar gestärkt daraus hervorzugehen.

Die hier vorgestellten Methoden, das wissen wir aus der Resilienzforschung, haben schon vielen Menschen, die z.B. von Naturkatastrophen heimgesucht wurden, geholfen, psychisch gesund zu bleiben und die erforderliche mentale Stärke aufzubringen.

Führen Sie sich auch immer wieder vor Augen: es gab schon viele Katastrophen und Krisen. Dennoch sind Sie selbst und die gesamte Menschheit immer noch da und Sie haben es überstanden! So werden Sie in einiger Zeit auch über die aktuelle Krise sagen: weißt Du noch, damals, Corona …

Zusätzliche Tipps

Ich hoffe, die oben aufgeführten Anregungen waren ein wenig hilfreich für Sie.

Wenn Sie darüber hinaus Fragen haben: kontaktieren Sie mich per Mail oder Textnachricht auf Mobiltelefon (0170 5895233).

Wenn Sie in eine akute psychische Krisensituation geraten, suchen Sie sich Hilfe. Auch das gehört zu Resilienz dazu: sich Hilfe holen. Hierfür stehen die Krisentelefone verschiedener Einrichtungen zur Verfügung. Auch ich selbst stehe im Fall von akuten Notfällen durch Corona honorarfrei zur Verfügung, allerdings nur bei vorheriger Terminvereinbarung unter  www.gestaltherapie-jheinrich.de.

Bleiben Sie gesund, ich wünsche Ihnen alles Gute

Jürgen Heinrich

Weitere kurze Ratgeber zu psychischen Herausforderungen durch die Corona-Krise folgen in Kürze

  • Umgang mit Ängsten und Depressionen durch die Corona-Krise
  • Zusammenleben auf engstem Raum während der Ausgangs-Beschränkung: Konflikte und Spannungen bewältigen

Über den Autor

Jürgen Heinrich arbeitet seit fast 3 Jahrzehnten als Coach und Therapeut in eigener Praxis. Durch umfangreiche Ausbildungen in verschieden Fachrichtungen verfügt Jürgen Heinrich über ein breites Repertoire an therapeutischen Methoden. So absolvierte er unter anderem folgende Ausbildungen:

  • Systemischer Supervisor
  • Gestalttherapeut
  • Meditationslehrer
  • Trauma-Therapeut (NARM)
  • Heilpraktiker (Psychotherapie)

Auswirkungen der frühen Lebensjahre auf die Persönlichkeit im Erwachsenenalter

Arbeit mit Entwicklungstrauma – neue therapeutische Wege

Ausblick
Kapitel 1 – Was ist ein Entwicklungstrauma?
Kapitel 2 – Auswirkungen von Entwicklungstrauma
Kapitel 3 – Die „gesunde“ Entwicklung
Kapitel 4 – Entwicklungstrauma sind in Denken, Körper und Emotionen gespeichert
Kapitel 5 – Was kann die Bearbeitung von Entwicklungstrauma bewirken?
Kapitel 6 – Therapeutisches Vorgehen bei Entwicklungstrauma
Kapitel 7 – Entwicklungstrauma heilen: was ist hierbei wichtig?
Fazit

Ausblick 

Hier erfahren Sie, was ein Entwicklungstrauma ist und welche Auswirkungen diese Form von Trauma hat. Außerdem erfahren Sie, wie man therapeutisch erfolgreich mit Entwicklungstrauma arbeiten kann und welche positiven Auswirkungen diese Therapie haben kann.  

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Erfahrungen in den frühen Lebensphasen eines Menschen prägen dessen Selbstbild, Selbstwertgefühl, seine Lebensfreude und seine Lebensenergie bis in das Erwachsenenalter. Wenn diese Prägungen negative Auswirkungen haben, spricht man von Entwicklungstrauma. Anzeichen für diese Form des Traumas sind z.B. geringes Selbstwertgefühl, Aggressionen, Stress durch hohe Erwartungen an sich selbst, nicht adäquate Scham- und Schuldgefühle, Beziehungsprobleme, Depressionen, Ängste und viele weitere.

Ursachen für Entwicklungstrauma müssen nicht zwangsläufig schwerwiegende Ereignisse gewesen sein. Auch zumindest aus der Sicht des Erwachsenen weniger bedeutende Ereignisse können zu dieser Form des Traumas führen, besonders wenn das Kind diese Erfahrungen regelmäßig gemacht hat.

Ein Beispiel mag das verdeutlichen: wenn ein Paar ein zweites Kind bekommt und die Geburt dieses Kindes in die frühe Entwicklungsphase des ersten Kindes fällt, kann dieses schöne Ereignis Auswirkungen auf das Selbstbild des erstgeborenen Kindes haben wie z.B.: ich muss meine Bedürfnisse zurückstellen, vernünftig sein und für das Wohl der anderen sorgen. Oder aber es kommt zum Vertrauensverlust: bisher war ich die Nummer eins und jetzt wird mir das genommen. Diese inneren Prozesse verlaufen natürlich unbewusst und unreflektiert. So kann also sogar ein schönes Ereignis wie die Geburt eines zweiten Kindes ein Entwicklungstrauma hervorrufen, das sich manifestiert und auch im Erwachsenenalter „wirkt“, z.B. dadurch, dass man sich für das Wohl anderer überfordert, meint sich anstrengen zu müssen um Liebe und Zuneigung zu bekommen oder nicht vertrauen kann und stets die Kontrolle haben will.  

Entscheidender als das Erlebnis selbst ist hierbei die sogenannte Identifizierung, das Selbstbild des Menschen, das auf der Basis dieser frühen Erfahrungen entstanden ist. Dieses Selbstbild ist heute noch wirksam, obwohl die frühen Erlebnisse vielleicht längst vergessen sind.

Auswirkungen von Entwicklungstrauma

Solche Selbstbilder sind z.B.: ich gehöre nicht dazu, ich darf keine Bedürfnisse haben, wenn ich vertraue werde ich enttäuscht, wenn ich so bin wie ich bin werde ich abgelehnt, um geliebt und gemocht zu werden muss ich Leistung erbringen.

Diese sogenannten Identifizierungen führen dazu, dass man sich selbst immer wieder in Frage stellt, nicht zu sich steht, permanent die Kontrolle haben will, sich permanent anstrengt, eine Tendenz zur Selbstüberforderung hat, oder man ist überzeugt davon, nicht wirklich authentisch sein zu dürfen um nicht abgelehnt zu werden. Selbstannahme und Selbstbehauptung fallen schwer, man setzt sich selbst häufig unter Druck und ist leicht emotional verletzbar.

Weitere Auswirkungen im späteren Leben und im Erwachsenenalter sind z.B. Einschränkung von Lebensfreude und Lebensenergie bis hin zur Resignation.

Entwicklungstrauma können also unser heutiges Leben im Erwachsenenalter sehr intensiv prägen. Die frühkindlichen Erlebnisse stellen quasi eine Brille dar, durch die wir uns selbst und die Welt wahrnehmen. Leider noch verbunden mit Scheuklappen, die eine Rundumsicht und die bewusste Wahrnehmung von positiven Erfahrungen oft verhindern. Unsere Selbstwahrnehmung, unsere Vorstellung wie andere zu uns stehen und unser Verhältnis zu anderen Menschen werden durch das Trauma beeinflusst. Wir erschaffen uns quasi unsere eigene Welt und erleben diesen Ausschnitt als Realität. Leider oft als unschöne wenig ermutigende Realität.

Die „gesunde“ Entwicklung

Entwicklungstrauma entstehen in der Zeit vor der Geburt, den folgenden Monaten und 3-4 Lebensjahren. Diese ersten Phasen des Lebens sind sehr entscheidend und beeinflussen spätere Entwicklungsphasen grundlegend. Sie sind also für unsere gesamte Entwicklung bedeutend und prägend. Grundlegende gesunde Erfahrungen, die wir in diesen Phasen machen, sind z.B.: ich habe meinen Platz auf der Welt und bin richtig und OK so wie ich bin. Ich bin willkommen und gehöre dazu. Ich darf Bedürfnisse haben und diese adäquat zum Ausdruck bringen. Ich kann vertrauen. Ich darf authentisch sein und muss nicht andauernd bestrebt sein es richtig zu machen. Ich muss nicht permanent Leistungen erbringen, um geliebt zu werden.

Wenn keine relevanten Entwicklungstraumen entstanden sind, ist das Kind in der folgenden Entwicklungsphase mit hoher Resilienz gegenüber negativen Erfahrungen ausgestattet, negative Ereignisse in den folgenden Lebensphasen beeinträchtigen den heranwachsenden Menschen nicht mehr so gravierend und führen nicht mehr so leicht zu einem negativen Selbstkonzept.  

Entwicklungstrauma sind in Denken, Körper und Emotionen gespeichert

Diese Selbstkonzepte und Selbstbilder sind nicht lediglich auf der gedanklichen Ebene gespeichert, sondern auch im Körper, im Nervensystem und in den Emotionen. Man kann sogar sagen: sie wirken bis in die einzelne Zelle des Menschen. Deshalb scheinen diese Selbstbilder so etwas wie unsere individuelle Persönlichkeit, unser Naturell zu sein. Doch nach heutigem Verständnis sind die negativen Selbstkonzepte lediglich früh entwickelte Lebensstrategien, die sich auf der Basis von ganz besonderen Umwelteinflüssen damals als sinnvoll erwiesen haben. Heute allerdings können wir diese Lebensmuster verändern, wir können andere Sichtweisen und eine große Bandbreite an neuen Verhaltensweisen entwickeln. Vorausgesetzt, wir erkennen die Blockaden, die unserer wahren Natur in die Quere kommen und uns regelrecht von unserem inneren Kern trennen und arbeiten gezielt daran.  

Was kann die Bearbeitung von Entwicklungstrauma bewirken? 

Obwohl die Auswirkungen eines Entwicklungstraumas bis in den Körper und das Nervensystem des Menschen reichen, gibt es therapeutische Wege zur Heilung. Die Bearbeitung des frühen Traumas ist möglich und kann zu nennenswerten Bereicherungen im Leben führen.

An oberster Stelle soll hier die Selbstannahme genannt werden: zu sich selbst stehen, statt sich permanent anzustrengen „passend“ zu sein. Vielleicht das Schönste, das ein Mensch erreichen kann. Daraus entstehen tiefes und echtes Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigene Intuition – und das Vertrauen dieser zu folgen. Man könnte auch sagen: es entsteht der Mut, dem eigenen Herzen zu folgen. Ohne allerdings dabei und dadurch den Kontakt und die Verbindung zu anderen Menschen zu verlieren. Dieses „“Ich darf ich sein“, dieses Ja zu sich selbst ist vermutlich eine tiefe Sehnsucht vieler Menschen.

Hierdurch wird der Weg frei zu mehr Lebensfreude, Lebensenergie und Lebendigkeit und zu einer tiefen Verbundenheit mit sich selbst, die keine Abkehr von anderen Menschen ist. Ganz im Gegenteil: es kann eine neue und tiefere Kontakt- und Bindungsfähigkeit entstehen. Die Gratwanderung zwischen einer gesunden Individualität und dem Kontakt zu anderen wird möglich, indem die inneren Blockaden und verzerrten Selbstbilder bearbeitet werden. Durch die Verbundenheit mit sich entsteht eine natürliche authentische Persönlichkeit, die anstrengungsfrei mit anderen Menschen in Kontakt gehen kann.

Auf dieser Basis entsteht gleichzeitig die Fähigkeit zur gesunden Abgrenzung, zum Nein sagen und die Bereitschaft, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung zum gesunden Umgang mit Leistungserwartungen des Umfeldes und damit zur Stressvermeidung – weil der eigene Selbstwert nicht mehr existentiell mit Leistung und Funktionieren verbunden ist. Gleichzeitig kann neue Energie und Tatkraft aktiviert werden. Bisher verdrängte Emotionen werden zu Energiequellen.

Die Therapie von Entwicklungstrauma wirkt sich ebenfalls positiv z.B. auf Depressionen, Aggressionen, nicht adäquate Scham- und Schuldgefühle, Beziehungsprobleme und Bindungsfähigkeit sowie Ängste aus.

Dies sind nur einige Effekte, die durch eine Arbeit mit Entwicklungstrauma entstehen können. Besonders aber zu ergänzen ist noch, dass die inneren Voraussetzungen für ein erfüllendes Leben geschaffen werden können.

Therapeutisches Vorgehen bei Entwicklungstrauma

Entwicklungstrauma entstehen in den Phasen, in denen die Persönlichkeit, der Körper und das gesamte Sein eines Menschen grundlegend geprägt werden. Die weitere Entwicklung geschieht auf der Basis des Lebenskonzepts, das durch das Trauma entstanden ist. Die subjektive „Brille“ ist quasi immer dabei.

Dennoch muss in einer Psychotherapie nicht die gesamte Kindheit aufgearbeitet werden, wie manche befürchten. Das wäre ohnehin schwierig, da unser Gedächtnis in diesen Lebensphasen noch nicht ausgeprägt ist. Die wahren Ursprünge für das Entwicklungstrauma liegen in Lebensphasen, in denen unser Erinnerungsvermögen im Dunkeln tappt und sind somit einer Therapie nur sehr bedingt zugänglich.  

Wie kann also eine Psychotherapie für Trauma, die in dieser Zeit entstanden sind, gelingen?

Aufgrund der zunehmenden Bedeutung, die man Entwicklungstrauma beimisst, sind in den letzten Jahren spezielle Therapiekonzepte zur Behandlung eines solchen Traumas entstanden. Hier soll besonders das von Dr. Laurence Heller entwickelte richtungsweisende Konzept NARM (Neuro-Affektive-Beziehungs-Modell) erwähnt werden, das der oben genannten Herausforderung gerecht wird.

Entwicklungstrauma heilen: was ist hierbei wichtig?

Wie kann ein Trauma, das zumindest häufig der Erinnerung nicht zugänglich ist, geheilt werden?

Hierzu hat sich das phänomenologische Arbeiten bewährt, d.h.: die Arbeit mit dem, was im hier und heute, in aktuellen Situationen oder in der Therapiesitzung selbst sichtbar wird. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die frühen Erfahrungen, sofern sie heute noch wirksam und relevant sind, ohnehin heute im Körper, den Emotionen, dem Denken und Handeln und besonders dem Selbstbild wahrnehmbar sind. Hierzu ist natürlich die Hilfe eines wertschätzenden und achtsamen Therapeuten erforderlich.

Es geht also nicht um die Aufarbeitung der frühen Geschehnisse, weil die Gesamtheit der frühen Erlebnisse in aktuellen Situationen erfahrbar werden – durch das Selbstbild des Klienten. Sein Selbstbild, hat „überlebt“ und wird unbewusst permanent sichtbar. Und um dessen Veränderung geht es. Nicht um die Veränderung der alten Geschichte.  

Wenn sich alte unbewusste Selbstbilder dann langsam auflösen und verändern, erfolgt ein weiterer sehr essentieller Schritt: die Verkörperlichung der neuen konstruktiven Selbstbilder. Es geht also nicht um ein oberflächliches „Umdenken“. Da Entwicklungstrauma nicht nur im Denken, sondern besonders auch im Unterbewussten, im Körper, dem Nervensystem und den Emotionen gespeichert sind, ist es erforderlich, dass alle diese Bereiche bei der therapeutischen Arbeit einbezogen werden. Denn hier erfolgt die eigentliche und tiefgehende Veränderung!

Dem Körper kommt hierbei eine besondere Rolle zu, da hier die neuen Erfahrungen und Sichtweisen ihre Wirkung manifestieren. Nur dann kommt es zu einer von Innen heraus stattfindenden Veränderung. Diese sogenannte Verkörperlichung, die bis in die einzelnen Zellen wirkt, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Therapeuten und führt zu einer nachhaltigen Veränderung, besser: zu einer Auflösung von Blockaden. Das Trauma wird bis in die Körperzellen hinein aufgelöst. Dort gehaltene negative Erfahrungen werden transformiert. Dadurch kommt der Klient zunehmend mehr in Kontakt mit der eigenen Lebensenergie und bringt ihn in den inneren Kern. Dies ist ein grundlegendes Prinzip der Arbeit und führt zu Heilung.   

Bei diesem Prozess kommt ebenfalls den Emotionen eine große Bedeutung zu, es geht in der Therapie um die sogenannte emotionale Vervollständigung. Verdrängte Emotionen werden im Rahmen der Therapie durchgearbeitet und integriert und und steigern z.B. Energie und Selbstbehauptung.   

Neben diesen wichtigsten Säulen der therapeutischen Arbeit lässt sich die von Dr. Heller entwickelte Methode durch einige weitere Merkmale charakterisieren: bedeutend ist auch die Stärkung des Erwachsenen-Modus des Klienten. Die Persönlichkeitsanteile, die viele als das Innere Kind kennen, werden zwar ebenfalls berücksichtigt, die Heilung der emotionalen Verletzungen und des Entwicklungstraumas erfordern aber vor allem ein geerdetes Erwachsenen-Ich. Der Zustand des inneren Kindes ist mit Hilflosigkeit und Überforderung gekoppelt und es kommt leicht zu einer Rückerinnerung im gesamten Körper und Nervensystem an das Trauma – und damit möglicherweise sogar zu einer Festigung des Traumas oder einer Retraumatisierung. Deshalb nutzt der Therapeut vor allem die Neubewertungen der Situation aus der Erwachsenen-Perspektive. Hierdurch erfährt das innere Kind dann Sicherheit und Heilung.  

Fazit

Heilung von Entwicklungstrauma ist möglich und kann zu nennenswerten Verbesserungen der Lebensqualität führen.

Egal wie die persönliche Geschichte auch war und wie groß der Schmerz auch ist: es gibt immer diese natürliche Tendenz allen Lebens und jedes Wesens hin zum Licht (Zitat aus einem der Vorträge von Dr. Laurence Heller).

Es ist die Aufgabe des Therapeuten, gemeinsam mit dem Klienten die Fenster zur natürlichen Bestrebung des Menschen zu mehr Lebensenergie, Selbstentfaltung, aber auch Kontaktfähigkeit zu entdecken.   

Die von Dr. Heller entwickelte Arbeit ist zwar ursprünglich als therapeutisches Verfahren konzipiert, lohnt sich aber aus Erfahrungen des Autors dieses Artikels in jedem Fall auch für nicht therapeutische Anwendungsgebiete, z.B. zur Steigerung der persönlichen Stressresistenz, der Durchsetzungsfähigkeit und vieler anderer Ausprägungen.

Literaturhinweise

  • Laurence Heller/Aline LaPierre
    Entwicklungstrauma heilen/Alte Überlebensstrategien lösen, Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit stärken
    Vrlg. Kösel/ISBN 978-3-466-30922-1
  • Youtube-Beitrag von Dami Charf: Traumatherapie mit frühen Verletzungen Teil 1

Über den Autor dieses Artikels

Jürgen Heinrich, Jahrgang 1954, ist seit fast 30 Jahren tätig als Therapeut, Coach und Seminarleiter. Nach Ausbildungen z. B. zum systemischen Supervisor, Meditationslehrer, Gestalttherapeuten erfolgte eine intensive Beschäftigung und Ausbildung in Traumatherapie und der Arbeit mit Entwicklungstrauma. Jürgen Heinrich ist mittlerweile im Ausbilder-Team von Laurence Heller in Lehrassistenz tätig. 

Erste Hilfe bei Spannungen und Problemen

Tipps für gelingende Gespräche in der Paarbeziehung

Einleitung
Tipp 1 – im Gespräch bleiben
Tipp 2 – sich vom Gedanken lösen, die Dinge objektiv zu sehen
Tipp 3 – Störungen und Kritik konstruktiv ansprechen
Tipp 4 – konstruktiv mit Kritik umgehen
Tipp 5 – Positives ansprechen!
Tipp 6 – das aktive mitfühlende Zuhören pflegen
Tipp 7 – den Schuldkreislauf vermeiden
Tipp 8 – Gewinner-Verlierer Spiele vermeiden
Fazit

Anregung für das Lesen dieses Artikels: Wenn Sie diesen oder andere Artikel über Paartherapie lesen, empfiehlt es sich, den Artikel gemeinsam mit dem Partner zu lesen oder zu besprechen. Andernfalls kann es leicht dazu kommen, dass Ihr Partner Widerstände gegenüber Ihren Vorschlägen entwickelt. Bereits die gemeinsame Beschäftigung damit, wie Sie zukünftig miteinander reden wollen, kann ein Stück Gemeinsamkeit herstellen. Wenn Sie sich dagegen alleine mit neuen Wegen für das Miteinander beschäftigen und Ihrerseits Vorschläge einbringen, geraten Sie leicht in eine Art Therapeutenrolle gegenüber Ihrem Partner.  

Dieser Artikel soll Paaren, die festgestellt haben, dass ihr Zusammenleben nicht mehr wie gewünscht klappt, erste Hilfen bieten. Der Artikel kann und will keine Paartherapie ersetzen. Bei schwierigen und festgefahrenen Situationen sollte Sie jemand von außen mit Übersicht und Augenmaß unterstützen. Oft aber scheuen Paare den Weg zur Paartherapie oder haben sonstige Gründe, nicht zu einer Therapie zu gehen. Der Artikel will diesen Paaren ein wenig Orientierung für gelingende Gespräche geben.

Damit sich dieser Artikel fließender liest, habe ich auf die Formulierung Partner/Partnerin verzichtet und deshalb lediglich Partner geschrieben. Natürlich beziehen sich aber die Ausführungen stets auf beide Geschlechter.

Einleitung

Es gibt viele Gründe für Spannungen und Probleme in Partnerschaft und Beziehung.  Die meisten Probleme ließen sich lösen, wenn die Beteiligten früher miteinander reden würden, statt stumm auszuhalten. Aber auch wenn ein Paar sich zum Besprechen der Spannungen entscheidet, kann es zu Komplikationen kommen. Häufig entsteht Kampf statt Miteinander im Gespräch.

Dieser Aufsatz soll ermutigen, Probleme offen und klar anzusprechen und Wege aufzeigen, wie aus dem Gespräch ein Miteinander statt ein Gewinner- und Verliererspiel wird. Damit aus den kleinen Problemen im Alltag keine großen Baustellen mit überschäumender Emotion werden. Das ist natürlich mit etwas Arbeit verbunden. Doch diese Arbeit lohnt sich.

Sie erfahren hier zunächst etwas über die typischen „Spiele“ zwischen Paaren, die Spannungen erzeugen oder vergrößern. Anschließend zeige ich Ihnen Möglichkeiten auf, diese zu vermeiden.   

Die typischen „Spiele“ zwischen Paaren, durch die sich auch kleine Probleme aufschaukeln:

Probleme, Spannungen und Streitigkeiten sind in einer Partnerschaft nahezu unausweichlich. Ob daraus unüberbrückbare Barrieren entstehen, oder eventuell sogar eine Vertiefung der Beziehung, hängt zumindest stark von der Art der gemeinsamen Gesprächsführung ab. Viele Paare haben nach dem Abklingen der ersten von Harmonie erfüllten Phase das eine oder andere destruktive Gesprächsspiel entwickelt. Ein erster Schritt besteht deshalb darin, die Spiele in Ihrer Beziehung zu durchschauen und zu verändern. Hier einige Beispiele für solche destruktiven „Spiele“:

  • Spannungen totschweigen und aussitzen. Hierdurch werden häufig aus Mücken Elefanten. Man erwartet, dass der Partner sein „Fehlverhalten“ erkennt. Resultat: die nicht erfüllte Erwartung schaukelt die Emotionen auf und äußert sich in gereiztem Verhalten oder Resignation.
  • Bei Gesprächen nur zum Schein zuhören und verstehen. Stattdessen die Äußerungen des Partners widerlegen und die eigene Sicht durchsetzen, in der Überzeugung „Meine Sicht ist die richtige“.
  • Kritik mit subtilen Verletzungen, Abwertungen und Anklagen versehen (nach der Devise „Jetzt gebe ich es dir mal“). Reaktion: der Partner geht in eine Verteidigungshaltung und „schießt“ zurück, statt sich auf Sie einzustellen und Sie verstehen zu wollen. Gegenseitige emotionale Verletzungen sind das Resultat.   
  • Das Spiel „Wer hat angefangen, wer hat Schuld?“ Das Motiv, die Schuldfrage zu klären, ist eines der häufigsten, aber auch verfänglichsten Motive in der Paarbeziehung. Doch Achtung: so einfach ist es nicht. Meist haben beide ihre unterschiedliche Sicht auf die Dinge. Das Opfer/Täter-Spiel „Ich bin das Opfer und du der böse Täter“ führt nicht wirklich zu nachhaltigen Lösungen.

Machen Sie sich deshalb mit dem Gedanken vertraut, dass auch Sie in irgendeiner Form zum Entstehen des Problems beigetragen haben. Ansonsten entsteht ein mitunter aggressiver Kampf um die Fragen „Wer hat Recht, wer hat angefangen, wer hat Schuld“. Entscheidender und hilfreicher wären z.B. die Fragen „Wie kommen wir da wieder raus? Was können wir ändern“? Es gilt, die Sichtweise des Partners zu verstehen und gemeinsam zu einer konstruktiven Lösung zu gelangen.

  • Jede Kritik abwehren. Dieses Verhalten führt beim Gesprächspartner leicht zu Aggression oder Resignation. Und man beraubt sich selbst der Chancen auf sinnvolle Veränderungen.
  • Fokussierung auf kritische Aspekte, Fehler und Spannungen, statt auch oder besonders die positiven Aspekte der Beziehung und des Partners zu erkennen und zu benennen.  
  • Überzogene Erwartungen an den Partner. Wenn Sie dem Partner eine idealisierte Rolle und unerfüllbare Aufgaben übertragen, ist Scheitern vorprogrammiert. Eine solche überzogene Erwartung wäre z.B., dass Ihr Partner so wird, wie Sie sich den optimalen Partner vorstellen. Dazu müsste er seine Bedürfnisse stets Ihren unterordnen. Natürlich sollte Ihr Partner Ihre Bedürfnisse und Emotionen berücksichtigen und diese bei seinem Verhalten beachten. Letztendlich aber wünschen Sie sich vermutlich auch einen authentischen Menschen an Ihrer Seite, mit Ecken und Kanten – sofern diese nicht zu massiv sind.  

Tipps und Anregungen für ein konstruktives Zusammenleben in der Paar-Beziehung:

Wie können aber Streitgespräche zum guten Ende kommen, wie können Spannungen evtl. sogar zu einer Verbesserung der Beziehung führen und das Miteinander stärken?

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Miteinander im Gespräch bleiben, besonders bei Spannungen und Problemen

Miteinander reden ist allgemein für die Beziehung sehr wichtig, um ein Auseinanderleben zu vermeiden. Hiermit ist natürlich nicht der regelmäßige Austausch über den Speiseplan und Ähnliches gemeint, sondern das echte Interesse und Neugier am Partner, Verständnis und Mitgefühl für dessen Alltagssorgen. Und besonders natürlich die permanente Pflege dessen, was das Wir ausmacht.

Dennoch gehen diese intensiven Kontakte und Verbindungen bei vielen Paaren mit der Zeit verloren. Man entwickelt unbemerkt eine „Kultur“ des nebeneinander her Lebens. Dieser Prozess ist meist schleichend und geschieht unbemerkt.  

Hilfreich zur Erhaltung des Miteinanders ist die Pflege gemeinsamer Interessen, geplante Termine miteinander, Rituale, regelmäßige Gespräche, aber natürlich auch Zeit für die Zweisamkeit. Wenn diese gemeinsamen Zeiten nicht eingeplant werden, gehen sie meist zu Gunsten von oberflächlich gesehen „Wichtigerem“ unter.

Besonders wichtig werden gemeinsame Gespräche, wenn Spannungen und Probleme auftreten. Viele Paare gehen jedoch genau dieser Gesprächssituation aus dem Weg und hoffen, dass es sich von selbst wieder einpendelt. Das Gegenteil ist aber meist der Fall: es verschlimmert sich. Da man die Dinge nicht anspricht, aber davon ausgeht, dass der Partner doch merken muss, um was es geht, häufen sich immer mehr „Minuspunkte“ des Gegenübers an, bis es irgendwann zum überzogenen Ausbruch der Emotionen kommt.

Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, Probleme, Spannungen und Konflikte nicht anzusprechen, z.B. Bequemlichkeit oder Angst vor Spannungen. Vermeidung erscheint als die bessere Lösung. Sie birgt jedoch die Gefahr dafür, dass die Beziehung langsam, schleichend und unbemerkt versandet.

Allerdings muss auch nicht alles angesprochen werden. So manches Paar hat sich zu eigen gemacht, jede kleine Befindlichkeitsstörung „auf den Tisch“ zu bringen und alles auszudiskutieren. Oft ist dann die Folge, dass es nur noch anstrengend ist und Leichtigkeit und der Blick für das Schöne in der Beziehung verloren gehen.

Als kleine Daumenregel könnte man sagen: sprich das an, was Dir wirklich wichtig ist. Was liegt Dir wirklich am Herzen? Was hat negative Auswirkungen auf dein Wohlbefinden in der Beziehung? Es geht schließlich nicht darum, sich den Partner zurecht zu schnitzen und den Idealpartner zu kreieren oder gar einen anderen Menschen aus ihm zu machen. So manchen kleinen Fehler oder so manche „Besonderheit“ oder die eine oder andere Schwäche des Partners wird man tolerieren müssen, damit der Partner noch er selbst bleiben kann. Hier ist die Gratwanderung gefragt.

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Lösen Sie sich von dem Gedanken, dass Sie die Dinge objektiv sehen

Beide Seiten sehen die Dinge und Geschehnis subjektiv, durch die eigene „Brille“. Was dem einen wichtig war, erscheint dem anderen als nebensächlich. Was den einen verletzt, erscheint dem anderen als Banalität. Die Suche nach der „richtigen“ Sicht stellt bereits selbst eine große Gefahr für die Beziehung dar, weil sich hierbei erfahrungsgemäß die Fronten verhärten und es im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Kampf um die Frage, wer es denn richtig sieht, kommen kann.

Vermeiden Sie deshalb, die richtige Sicht herausfinden zu wollen oder Ihrem Partner Ihre Sichtweise „aufs Auge“ drücken zu wollen. Recht behalten wollen ist zwar menschlich, kann aber eine Beziehung zerstören. Erleben Sie das Gespräch stattdessen als Chance, die Sicht des Partners zu erkunden und ihm die eigene Perspektive vorzustellen. Alleine das kann zu einer deutlichen Verringerung der Spannungen führen und zu gegenseitigem Verständnis führen. Seien Sie neugierig auf die Sicht des Partners. Wenn Sie ein Stück weit in die Perspektive des Partners einsteigen und diese verstehen und umgekehrt, werden beide sich gesehen und verstanden fühlen. Allein dies ist ein wichtiger Beitrag zu einer guten Beziehung.

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Sprechen Sie Störungen und Kritik konstruktiv an  

Häufig werden nötige klärende Gespräche in der Partnerschaft vermieden, weil man befürchtet, dass es dadurch zum „Knall“ kommt. Wie aber lässt sich dieser Knall vermeiden? Wie kann man Störungen, Kritik, Spannungen so ansprechen, dass das Gespräch letztlich zu einer Verbesserung der Beziehung führt?

Hier ein paar Tipps, wie Sie Störungen konstruktiv ansprechen können:

  • Stellen Sie sich vor dem Gespräch die Frage, ob das Störende tatsächlich wert ist, angesprochen zu werden. Verletzt es Sie? Schränkt es Sie ein? Hat es negative Auswirkungen auf Sie, Ihre Gefühle? Welches wichtige Bedürfnis ist nicht erfüllt und ist es wirklich die Aufgabe Ihres Partners, dieses zu erfüllen? Oder ist es eher Ihr heimliches Ziel, den Partner nach Ihren Vorstellungen zu „gestalten“? Oder handelt es sich vielleicht um einen weniger bedeutenden Kritikpunkt, den Sie mit ein wenig Toleranz akzeptieren könnten? In den beiden letzten Fällen ist es fraglich, ob die Kritik sinnvoll ist, oder eher als Nörgeln aufgefasst wird.
  • Sprechen Sie konkrete Beobachtungen und Wahrnehmungen an, sachlich und objektiv. Verzichten Sie auf Interpretationen (wie z.B. was hat sich Ihrer Meinung nach der andere dabei gedacht, was hat er gefühlt und beabsichtigt usw. Denn das wissen Sie nicht).

Verzichten Sie vor allem auf Zuschreibungen, allgemeine Aussagen über die Persönlichkeit des Partners, Abwertungen, Beurteilungen, Persönlichkeitsanalysen und ähnliches („Du bist …“). Denn diese provozieren nahezu den Widerstand des Partners und verschlechtern fast immer das Klima. Ebenso schädlich für die Gesprächsatmosphäre sind Verallgemeinerungen wie „immer“, „nie“ und ähnliche („Du räumst nie auf …“). Beziehen Sie sich stattdessen auf zeitnahe Ereignisse („Du hast heute die vereinbarten Einkäufe nicht erledigt“).

  • Schildern Sie anschließend die negativen Auswirkungen auf Sie in Form einer Ich-Aussage („Ich fühle mich…, mir geht es …, das hat zur Folge“ usw.). Die Ich-Aussage ist sehr wichtig, da Sie dadurch einen persönlichen Angriff (der stets die Gefahr eines Gegenangriffs mit sich bringt) vermeiden und vor allem Betroffenheit beim Partner auslösen!
  • Formulieren Sie anschließend Ihren Wunsch, Ihr Bedürfnis oder Ihre Bitte (Bsp.: „Ich wünsche mir, dass Du mehr Zeit mit mir verbringst“).
  • Seien Sie seien Sie offen für Alternativvorschläge Ihres Partners.

Auch wenn Ihr Partner Ihrer Bitte nicht nachkommen will und die Dinge ganz anders sieht, hatte das Gespräch seinen Sinn und trägt erfahrungsgemäß zu einer Verbesserung der Beziehung bei. Denn die beiden Standpunkte und die unterschiedlichen Bedürfnisse sind nun zumindest klar. Und auf dieser Basis können Sie mit Ihrem Partner nach Lösungen und Wegen suchen, wie das Zusammenleben in Zukunft besser gestaltet werden kann.  

Wenn diese Form der Gesprächsführung allgemein üblich wäre, könnten viele Paare vermutlich deutlich glücklicher miteinander leben und die Trennungsquote wäre vermutlich geringer.  

Manchmal allerdings ist es auch adäquat, seinem Ärger und seiner Wut Luft zu machen.  Wenn Sie z.B. sehr gekränkt sind und Ihre Kränkung mit einem sanften Lächeln zum Ausdruck bringen, kann dies bei Ihrem Gegenüber dazu führen, dass Ihre „Beschwerde“ nicht ernst genommen wird. Manchmal wird Ihr Verhalten dann sogar als überheblich interpretiert. Zumindest wirken Sie nicht besonders authentisch.

Wenn Sie Ihren Ärger in Form einer vehementen Ich-Botschaft zum Ausdruck bringen (Bsp.: „Ich bin so was von sauer“) verletzen Sie niemanden damit. Den eigenen Ärger mal rauslassen kann Platz schaffen für Versöhnliches. Dies sollte allerdings nicht die Standardmethode sein. Und Sie sollten dieses Vorgehen auch Ihrem Partner zugestehen. Tipp: machen Sie Ihrer ersten Aggressionswelle bereits vor dem Gespräch, solange Sie alleine sind, Luft.

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Gehen Sie konstruktiv mit Kritik um

Natürlich wird es auch vorkommen, dass Sie selbst kritisiert werden, ein Feedback erhalten oder auf Schwachstellen hingewiesen werden. Dann ist es wichtig, konstruktiv mit dieser Kritik umzugehen. Oft jedoch wird Kritik abgewehrt, z.B. weil diese nicht mit dem persönlichen Selbstbild übereinstimmt, als ungerecht erlebt wird oder als Abwertung der eigenen Persönlichkeit aufgefasst wird. Als hilfreich zum konstruktiven Umgang mit Kritik hat sich folgende innere Haltung erwiesen:

  • Gehen Sie neugierig mit Kritik um. Feedback ergänzt Ihr Selbstbild um das Fremdbild und lässt Sie neue Aspekte Ihrer Persönlichkeit erkennen. Und selbst wenn der kritisierte Aspekt so gar nicht mit Ihrer Wahrnehmung und Ihrem Erleben übereinstimmt: geben Sie der anderen Perspektive eine Chance. Oft erkennen Sie mit etwas zeitlichem Abstand den hilfreichen Aspekt, der in dem Feedback steckt. Sehen Sie Kritik also als Chance an, als Chance zur Selbsterkenntnis.

Anregung: Wenn Sie von dem Feedback emotional getroffen sind, gönnen Sie sich ein wenig Bedenkzeit. Mit ein wenig zeitlichem Abstand kommt die erste Aufregung oder Aggression zur Ruhe und Sie können konstruktiv reagieren. Oft ist es sogar so, dass Sie erst nach einer Weile den berechtigten Kern der Kritik, der vielleicht nicht ganz glücklich formuliert war, erkennen.  

  • Führen Sie sich vor Augen, dass der kritisierte Punkt sich auf eine Ihrer Verhaltensweisen bezieht, und nicht auf Ihre Persönlichkeit. Außerdem handelt es sich um die Einzelmeinung Ihres Partners. Dieser Mensch ist zwar sehr bedeutend in Ihrem Leben, dennoch ist seine Sicht zunächst eine Einzelmeinung.
  • Sagen Sie Ja zu sich selbst und gestehen sich Fehler zu: „Auch ich darf Schwächen haben und Fehler machen“. Dieses Zugeständnis an sich selbst ist die wichtigste Voraussetzung zum konstruktiven Umgang mit Kritik und ermöglicht persönliche Veränderung und Entwicklung.
  • Werden Sie sich darüber bewusst, was Sie bei Kritik hören. Wenn Sie eine generelle Abwertung Ihrer Person hören, versuchen Sie einmal andere Hör-Perspektiven: Wenn Sie ganz objektiv sind, was spricht ihr Partner in der Sache an? Vielleicht sagt er nur, dass Sie den Müll nicht in den Keller gebracht haben und nicht, dass Sie ein unordentlicher Mensch sind. Meist werden Sie bereits dann viel entspannter und offener mit Kritik umgehen, auch wenn die Kritik etwas heftig formuliert ist. Oder versuchen Sie herauszuhören, was Ihr Partner mit der Kritik über sich selbst aussagt. Vielleicht will er Ihnen sagen, dass er momentan total überfordert ist. Dann fällt eine konstruktive Antwort deutlich leichter und Sie ersparen sich und Ihrem Partner ein wohlmöglich abendfüllendes Streitgespräch. 

Oft passiert es auch, dass ein Gesprächspartner eine Verletztheit in einem persönlichen Angriff „verpackt“. Versuchen Sie die Verletztheit hinter dem persönlichen Angriff zu erkennen. Diese Sichtweise ermöglicht Ihnen, selbst mit einem persönlichen Angriff ein paar Prozentpunkte leichter umzugehen. Auch wenn Ihr Partner den Bogen überspannt, können Sie sich mit dieser inneren Haltung deutlich gelassener und konstruktiver gegen den Angriff verwehren und die vielleicht manchmal erforderlichen Grenzen zu setzen. Denn bei allem Wohlwollen: Niemand hat die Aufgabe, zum emotionalen Mülleimer des Partners zu werden.

5

Sprechen Sie auch oder vor allem Positives an

Auch wenn in diesem Artikel den Themen Spannungen und Kritik der meiste Raum zukommt, soll dies nicht bedeuten, dass in einer Beziehung vorrangig negative Punkte angesprochen werden sollen.

Ganz im Gegenteil: Sprechen Sie vorwiegend die guten, positiven und schönen Seiten Ihres Partners an und vermitteln Sie ihm Wertschätzung. Vielleicht notieren Sie einmal die kleinen und großen schönen und liebenswerten Seiten Ihres Partners und überreichen diese Notizen Ihrem Partner. Ebenfalls kann es sehr stärkend für die Beziehung sein, gemeinsam die Schatztruhe der Beziehung zu füllen: Mit allen positiven Erlebnissen, gemeinsam gemeisterten Problem und besonderen Stärken Ihrer Beziehung.

Dazu gehört natürlich zunächst, dass Sie diese im Alltag bemerken und nicht als Selbstverständlichkeit abtun!  

Hierfür ist Achtsamkeit sehr bedeutsam. Achtsamkeit ermöglicht Ihnen außerdem, behutsam mit dem Partner umzugehen und Aussagen zu vermeiden, die den Partner verletzen. Sie gewinnen ein Gespür dafür, wo die verletzlichen Seiten des Partners sind, was ihm gerade wichtig ist und wie es ihm geht, um sich mit Rücksicht darauf einzustellen.  

6

Pflegen Sie das aktive mitfühlende Zuhören

Die Bedeutung des aktiven Zuhörens kann man gar nicht überbewerten. Aktives Zuhören alleine kann bereits sehr viel verbessern oder sogar das Problem lösen! Aus Kampf wird Klärung und Verstehen. Bereits Carl Rogers hat in der von ihm entwickelten Therapie-Methode die Relevanz des Zuhörens herausgestellt.

Hier einige Methoden des aktiven Zuhörens:

  • Hören Sie Ihrem Partner zu, ohne ihn zu unterbrechen, auch wenn Sie anderer Meinung sind.
  • Bereiten Sie während des Zuhörens nicht schon Ihre Argumentation vor, sondern hören Sie mit aller Präsenz und Neugier zu. Sie erfahren gerade etwas sehr Wichtiges von Ihrem Partner.   
  • Versuchen Sie, sich in Ihren Partner hineinzuversetzen, um auch seine Gefühle zu verstehen.  
  • Formulieren Sie die aus Ihrer Sicht wichtigsten Botschaften Ihres Partners in Ihren Worten und sichern Sie so, dass Sie Ihren Partner auch wirklich verstanden haben. Durch diese Rückformulierungen entwickelt Ihr Partner das Gefühl, verstanden worden zu sein. Und oft geht es in erster Linie genau darum!   

Aktives Zuhören ist die vielleicht wirkungsvollste Methode, um Spannungen in der Paarbeziehung vorzubeugen bzw. beizulegen. Allerdings fällt diese Methode vielen in der Umsetzung schwer, weil sie glauben, dass sie dann als Verlierer des Gesprächs dastehen. Dieser Glaube lässt sie dann unerbittlich diskutieren mit dem Ergebnis, dass die Kluft zwischen beiden immer größer wird. Dann haben beide verloren. Gewinnen können Sie im Beziehungs-Gespräch nur dann, wenn Sie durch das aktive und mitfühlende Zuhören gegenseitiges Verstehen und Verständnis und gemeinsame Annäherung fördern. Fazit: Es kann spannend und für die Lösung hilfreich sein, die Sichtweise des Partners einmal zu erkunden und kennenzulernen. Und oft ist dies sogar der Schlüssel zum Einlenken des Partners. Das aktive empathische Zuhören sollte allerdings nicht als Werkzeug hierfür missbraucht werden. Ihr Partner wird es bewusst oder unbewusst bemerken und es entsteht ein erheblicher Vertrauensbruch. Nur echtes Interesse am Anderen und echte Neugier für dessen Sichtweise hilft.

7

Vermeiden Sie den Schuld-Kreislauf

Der Schuld-Kreislauf ist erfahrungsgemäß eines der beliebtesten Spiele zwischen Paaren. Hier geht es um die Frage, wer angefangen hat, wer Schuld oder wer Recht hat. Diese Frage ist aber, glauben Sie mir das bitte, (fast) nie zu beantworten. Beide Seiten haben auf die eine oder andere Weise ihre Anteile. Mit diesem Verständnis für Konflikte und dieser inneren Haltung ist es deutlich leichter, gemeinsam Lösungen und neue Wege zu finden. Ansonsten drehen sich Konfliktgespräche im Kreis, beide Seiten bringen immer wieder die gleichen Beschwerden und Argumente vor, gegenseitige kleinere Beleidigungen folgen meist unbemerkt und der Kreislauf der Wiederholung findet kein Ende. Es wird für beide Seiten frustrierend.

Hier ein „schönes“ Beispiele: der Mann sagt: „Ich schweige und ziehe mich zurück, weil meine Frau immer so laut und heftig nörgelt“. Die Frau sagt: „Mein Mann redet nicht mit mir und geht Gesprächen aus dem Weg. Ich werde nur gehört, wenn ich so richtig laut werde“. Entscheiden Sie selbst: Wer von beiden hat angefangen? Es wird sich kaum klären lassen. Beide werden, egal wie weit man die Geschichte zurückverfolgt, ein Beispiel nennen, dass noch früher stattgefunden hat. Und selbst wenn man es klären könnte: Welchen Nutzen hätte es?   

Dennoch ist der Schuldzirkel natürlich sehr verlockend: man will selbst mit einer sauberen Weste dastehen. Und vielleicht gewinnt man diese Redeschlacht sogar und geht als Gewinner daraus hervor. Was die Paar-Beziehung angeht, verlieren aber beide!

Deshalb berücksichtigen Sie folgende Aspekte, wenn es um die Schuldfrage geht:

  • Erfahrungsgemäß haben beide Partner an der Entstehung des Konflikts mitgewirkt und ihre Anteile. Vermeiden Sie also das Opfer-Täter-Spiel!
  • Beide Seiten haben naturgemäß eine andere Sichtweise. Ihr Partner wird ein und die gleiche Situation also evtl. ganz anders beschreiben als sie. Und das ist üblich. Das mag nun für manchen Leser etwas merkwürdig klingen. Doch wer einmal als Zeuge bei einem Unfall anwesend war, wird das vielleicht bestätigen: Fünf Zeugen beschreiben offensichtlich fünf unterschiedliche Unfälle. Verabschieden Sie sich also von der Idee, dass Ihre Wahrnehmung die einzig richtige ist. Wenn dann noch die unterschiedlichen Interpretationen dieser unterschiedlichen Wahrnehmungen dazu kommen, ist es verständlich, dass man sich über den Hergang heftig streiten kann.

Entscheiden Sie sich deshalb für folgendes Vorgehen:

  • Versuchen Sie die Sichtweise und Interpretation Ihres Partners zu ergründen. Nicht mit der Intention herauszufinden, wie es wirklich war, sondern um Ihren Partner zu verstehen und seine Sicht nachzuvollziehen.  
  • Schließen Sie dann gemeinsam den Prozess der „Wahrheitsfindung“ ab. Sie stehen schließlich nicht vor Gericht, sondern wollen Spannungen beilegen. Und dabei geht es mehr um das gegenseitige Verstehen und die Wiederannäherung als um das Analysieren der Situation!  
  • Ggf. hilft ein „Es tut mir leid, wenn du das so erlebt hast, wenn das eine Verletzung bei dir ausgelöst hat“ und ähnliche Äußerungen.   
  • Stellen Sie sich anschließend gemeinsam konstruktive und zukunftsorientierte Fragen wie: Was sind Deine Bedürfnisse? Was machen wir ab heute anders? Welche Lösungen und neuen Wege bieten sich für die Zukunft an? Welchen Weg wollen wir gemeinsam gehen?

Erfahrungsgemäß lassen sich alle Spannungen abbauen und Verletzungen ganz gut „versorgen“, wenn beide Seiten dazu bereit sind und wollen. Das gemeinsame Wollen ist die entscheidende Voraussetzung.

8

Vermeiden Sie Gewinner-Verlierer-Spiele

Wenn Sie und Ihr Partner die oben aufgeführten Tipps beherzigen und die genannten Fallstricke vermeiden, schaffen Sie die Voraussetzungen und Möglichkeiten, Konflikte konstruktiv zu lösen. Besonders durch das aktive und mitfühlende gegenseitige Zuhören sorgen Sie für eine wertschätzende, öffnende und positive Gesprächsatmosphäre. Und das ist die Zauberformel für die Konfliktlösung: eine gute Beziehungsebene mit gegenseitigem Verstehen, gemeinsamen Wollens, gegenseitiger Wertschätzung und mitfühlendem Umgang mit den Verletzungen des anderen. Auf dieser Basis können Sie nun gemeinsam nach Lösungen suchen. Hierbei sollte es nicht darum gehen, Ihre Lösungsidee so weit wie möglich durchzudrücken versuchen. Nur wenn beide Seiten offen für eine neue gemeinsame Lösung sind, vermeiden Sie Kampf und erreichen Sie ein Wir-Gefühl.

Fazit

Spannungen und Konflikte in einer Paar-Beziehung sind normal und wichtig. Wenn ein Paar bestehende Spannungen offen anspricht, sind die Voraussetzungen für eine dauerhafte Partnerschaft optimal. Wie sagt man so schön „Reibung erzeugt Wärme“.

Mit den hier vorgestellten Tipps lassen sich Kritik- und Konfliktgespräche konstruktiv führen. Durch die gemeinsame positive Erfahrung, dass das Durchstehen eines Konfliktes zu einem bessern gegenseitigen Verständnis und einer intensiveren Beziehung führt, entwickeln beide Partner noch mehr Zuversicht in die Beziehung.

Die Umsetzung der Tipps erfordert ein wenig „Arbeit“. Destruktive Gespräche kommen mit weniger Wissen aus und fallen uns leichter. Zugegeben, manchmal führt diese Gesprächsmethode auch zu einer oberflächlichen Befriedigung: „Jetzt habe ich es dir aber gegeben“. Aber für welchen Preis?

Zumindest in der Startphase erfordern die genannten Tipps Disziplin. Rückfälle in alte Muster sind menschlich. Wenn Sie solche Rückfälle bemerken, unterbrechen Sie lieber erst einmal das Gespräch und besinnen sich wieder auf die Tipps.

Wenn beide Seiten wollen, lassen sich für die meisten Spannung und Problem in der Paar-Beziehung gute Wege finden.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Umsetzung und eine glückliche Beziehung mit gelegentlichen Spannungen. Jürgen Heinrich/Köln

Wenn Sie das Gefühl haben, alleine nicht weiter zu kommen, ist es ratsam, sich professionelle Unterstützung in Form einer Paartherapie zu holen, z.B. bei www.gestalttherapie-jheinrich.de. Oder besuchen Sie unser Seminar.

In unseren Seminaren beschäftigen wir uns z.B. auch mit folgenden Themen:

  • Was braucht ein Paar? Die Säulen einer Partnerschaft
  • Typischer Probleme und Fallstricke für Paare
  • Wie halten wir unsere Beziehung im Alltag lebendig?
  • Erwartungen an den Partner: Wo sind die Grenzen?
  • Herausforderung Kind: Wie gestalten wir die neue Situation?
  • Umgang mit Konflikten: Konstruktiv miteinander streiten 
  • Machtspiele
  • Außenbeziehung: Was tun, wenn es zum Seitensprung kam?
  • Umgang mit Bindungsängsten
  • Welche Auswirkungen haben unsere frühen Erlebnisse und unsere Kindheit auf unser heutiges Verhalten in der Beziehung?
  • Wie können wir beide unseren ganz eigenen Weg als Paar finden und gehen?
  • Umgang mit unterschiedlichen Vorstellungen über Beziehung und Werten
  • Sexualität und Liebe  
  • Vertrauen entwickeln, Vertrauensverluste bearbeiten
  • Individualität erhalten in der Partnerschaft: Ich/Du/Wir-wie geht das?
  • Beziehung stärken: Die gemeinsame Biographie und Schatztruhe erstellen
  • Vorstellung über die Zukunft: Unsere Vision
  • Hindernisse für ein Einlassen auf Beziehung erkennen: Alte „Bremsen“ lösen 
  • Achtsamkeit und Präsenz
  • Selbstannahme als Basis für Liebe
  • Umgang mit Wut, Aggression und Ärger

Siehe auch unter www.jetztleben.me das Seminar „Miteinander leben in Ehe, Beziehung, Partnerschaft“.

Die Seminare verstehen sich nicht als Paartherapie, sondern ermöglichen es Paaren, sich in einer entspannten und angenehmen Situation allgemein mit den Themen zu beschäftigen. Neben kurzen Vorträgen bieten die Seminare die Möglichkeit zu Gesprächsrunden, praktischen Übungen und Modulen zum Ausprobieren neuer Wege.

Wenn diese Themen interessant für Sie sind, besuchen Sie eines unserer Seminare oder rufen Sie an. Teilen Sie mir auch gerne Ihre Feedbacks zum obigen Artikel mit.

Kontaktdaten

Jürgen Heinrich
info@jetztleben.me
0221 463561

Lesetipp: Wenn Sie sich intensiver und allgemein mit dem Thema Störungen in der Kommunikation beschäftigen möchten, sind die Bücher von Professor Schulz von Thun empfehlenswert. Hier ein Link zu einem Aufsatz, in dem die wichtigsten Aspekte aus diesen Büchern zusammengefasst sind:

http://www.blueprints.de/artikel/kommunikation/schulz-von-thun.html

Wie arbeitet Gestalttherapie?

Der Gestalttherapeut arbeitet mit dem Dialog zwischen unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen, wie zum Beispiel dem „inneren Kind“ und dem „inneren Kritiker“. Ziel ist es, innere Konflikte zu bearbeiten und die innere Harmonie herzustellen, um in die eigene Kraft zu kommen und die Ausstrahlung als „runde“ und in sich ruhende Persönlichkeit zu erlangen.

In der sogenannten Stuhlarbeit geht es zum Beispiel darum, innere Spannungsfelder aufzulösen, Entscheidungen zu treffen oder Botschaften des Körpers zu ergründen. Aber es geht auch darum, durch den Perspektivenwechsel Klärung zu ermöglichen und Konflikte mit anderen Menschen zu lösen. Weitere Methoden sind die Arbeit mit Träumen, mit der eigenen Lebensbiographie als Kraftquelle, mit Signalen, Botschaften und Reaktionen des Körpers sowie gegebenenfalls mit deren Veränderung.

Die Gestalttherapie nutzt kreative Methoden wie Malen und sie lässt uns unsere männlichen und weiblichen Anteile erkennen und in Harmonie bringen. Auch dem Experimentieren mit neuen Verhaltensweisen kommt eine große Bedeutung zu. Ebenso entscheidend ist es, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu lernen, anderen gegenüber Grenzen zu setzen. Außerdem geht es um Anerkennen und Integrieren von nicht geliebten eigenen Persönlichkeitsanteilen.

Vor allem aber arbeitet die Gestalttherapie mit Achtsamkeit und Präsenz im Gespräch zwischen Klient und Therapeut.

Oft sind es die kleinen Beobachtungen, die der Therapeut macht, auf die es ankommt. Allein dieses Bewusstmachen von unbewusst gemachten Aussagen oder Gesten kann bereits zur Auflösung führen. Kleine bewusst herbeigeführte Veränderungen in einer Betonung, in der Stimme oder der Gestik des Klienten können manchmal ausreichen, um einen Knoten zu lösen oder etwas in Fluss zu bringen. Das macht für mich nach wie vor das Faszinierende, den „Zauber“ der Gestalttherapie aus. Gestalttherapie lässt etwas bewusst werden und bereits dadurch tritt Veränderung ein. Man könnte sagen: Gestalttherapie arbeitet nicht mit spektakulären Methoden sondern mit Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Oft sind es eben die kleinen Veränderungen, die eine große Wirkung haben.

Die Gestalttherapie geht davon aus, dass jeder Mensch OK ist und alle erforderlichen Ressourcen in sich trägt. Der Therapeut unterstützt den Klienten dabei, selber neue Wege zu finden. Er gibt keine Patentrezepte und hat nicht den Anspruch, es besser zu wissen oder immer die richtige Lösung zu haben. Und er hat keine Theorien im Hinterkopf, in die er den Klienten einsortiert. Der Therapeut interpretiert nicht seine Beobachtung, sondern überlässt es dem Klienten, der Beobachtung eine Bedeutung zu geben.

Im Vordergrund stehen die Lebendigkeit in der therapeutischen Arbeit, die Empathie gegenüber dem Klienten und die Akzeptanz des Klienten so wie er ist. Entscheidend für die Gestalttherapie ist eine wertschätzende Beziehung zwischen Klient und Therapeut und dass der Therapeut dem Klienten nicht als überlegener Experte begegnet, sondern ihn partnerschaftlich begleitet. Kein urteilen, kein beurteilen, kein Denken in Gut und Schlecht, richtig und falsch. Es ist OK, nicht perfekt zu sein. Oder: du bist OK so wie du jetzt bist.

Text © 2011 Jürgen Heinrich

Was ist Gestalttherapie?

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Die Gestalttherapie zählt zu den wichtigsten und einflussreichsten Therapieverfahren der humanistischen Psychologie. Sie wurde in den sechziger Jahren von Fritz und Lore Pearls und Paul Goodman entwickelt und findet Einsatz in Einzel-, Gruppen-, Paar- und Familientherapie.
Derzeit gewinnt die Gestalttherapie sogar noch an Bedeutung, da die für sie so charakteristischen Begriffe wie Achtsamkeit und Akzeptanz die moderne Psychotherapie enorm beeinflussen. Beide Begriffe, die ursprünglich aus der Meditation stammen, sind die Grundlagen in der gestalttherapeutischen Arbeit.

Die Gestalttherapie richtet sich darauf, inneres Wachstum zu fördern und die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Durch die Befreiung von bremsenden oder blockierenden Verhaltensmustern kann der Klient aus eigener Kraft Probleme lösen, neue Verhaltensweisen werden ermöglicht und Potentiale aktiviert.

Diese innere Befreiung macht aus meiner Erfahrung eine wesentliche Kraft der Gestalttherapie aus.

Hierzu versuchen wir in den Sitzungen, alte Konditionierungen oder sogenannte „Einflüsterungen“ der Vergangenheit („du kannst nicht, du sollst, du musst, du bist …“) zu erkennen und aufzubrechen. Ziel der Gestalttherapie ist es, sich mehr und mehr von den alten bremsenden Konditionierungen zu befreien und die „Einflüsterungen“ anderer loszuwerden, sich selber und die eigenen Bedürfnisse zu spüren, sowie authentisch zu sein und die eigene Persönlichkeit und deren Möglichkeiten zu entfalten.

Die Gestalttherapie versteht sich sowohl als therapeutisches Verfahren, mit dem aktuelle Probleme, Störungen und Konflikte bearbeitet werden, als auch als Weg zur Persönlichkeitsentwicklung. Sie möchte mehr „Lebendigkeit“ und Freude ins Leben bringen und den Klienten seine verborgenen Fähigkeiten und Stärken entdecken lassen. Die Gestalttherapie ist somit auch ein Angebot für Menschen, die einfach nur den Wunsch nach Veränderung, Entwicklung und Neubeginn haben. Hierin unterscheidet sie sich von anderen Therapiekonzepten.

Durch die Befreiung von Blockaden und von alten Einflüsterungen und Einschränkungen will die Gestalttherapie den Neubeginn ermöglichen, das Lebensskript veränderbar werden lassen. Hierdurch kann sich die Lebensfreude wieder entfalten. Natürlich zählt auch die Lösung aktueller Probleme zu den Anliegen der Gestalttherapie.
Dabei legt die Gestalttherapie großen Wert auf authentisches Wachstum: es geht nicht darum, so zu werden, wie man sein sollte, sondern darum, die bereits vorhandenen aber verborgenen Stärken der eigenen Persönlichkeit zu entfalten.

Im Mittelpunkt der Gestalttherapie steht nicht das „Stöbern“ in der Vergangenheit und die Frage, wann und wodurch ein Problem oder eine Störung entstanden ist. Der Schwerpunkt liegt vielmehr im Auffinden von blockierenden Mustern und von helfenden persönlichen Ressourcen in der Gegenwart.

Allerdings ist der Blick zurück in die Vergangenheit und in die Kindheit manchmal hilfreich, um unser jetziges Verhalten zu verstehen. „Unerledigte“ Situationen von früher, die uns heute immer wieder begegnen und unser Handeln unbewusst bestimmen, werden in der Therapie aktiviert, steigen an die Oberfläche und werden dem Bewusstsein wieder zugänglich. Durch das Abschließen dieser alten Themen, die im Heute immer wieder störend einwirken, entstehen neue authentische Handlungsmöglichkeiten.

Bei der Bearbeitung von störenden Verhaltensweisen und Eigenschaften, geht es in der Gestalttherapie nicht darum, das Problemverhalten oder die störende Eigenschaft des Klienten beseitigen zu wollen. Vielmehr wird das Muster erkannt und nach Möglichkeiten gesucht, dass der Klient diese Eigenschaft oder den Persönlichkeitsanteil annimmt. Selbstannahme ist vielleicht der größte Reichtum, den wir erreichen können: Den Frieden mit sich selbst machen. Anerkennen und integrieren statt loswerden. Und vielleicht geschieht Veränderung dann ohne große Anstrengung. Oder man behält den „störenden“ Teil, aber mit einem anderen Selbstbewusstsein. Die Kunst liegt darin, sich zu akzeptieren wie man ist und gleichzeitig Veränderung zuzulassen.

In der Gestalttherapie geht es auch um Selbstachtung und darum zu lernen, sich selbst zu vertrauen, sich auf seine Intuition zu verlassen und sich in seinen Bedürfnissen zu erkennen.
Gestalttherapie versteht sich ebenso als praktische Lebensphilosophie. Auch hierin unterscheidet sie sich von anderen Therapiekonzepten. Sie bietet einen Weg, mit mehr Intensität und Sinnhaftigkeit sein Leben bewusst zu gestalten.
Außerdem bietet Gestalttherapie die Möglichkeit, sich auf das Abenteuer, sich selbst neu kennenlernen und sich selbst neu zu entdecken, einzulassen.

Wie arbeitet die Gestalttherapie?

Text © 2011 Jürgen Heinrich